Rudolstadt erinnert an Pioniere der Röntgentechnik
Alles begann mit einer zufälligen Begegnung am ersten Weihnachtsfeiertag 1918 in Rudolstadt (Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, Thüringen). Alfred Ungelenk, ein Ingenieur für Elektrotechnik, und Otto Kiesewetter, ein erfahrener Glasbläser, hatten im Ersten Weltkrieg als Funker in Frankreich zusammengearbeitet. Beide waren nach dem Krieg zunächst ohne Job. Bei ihrem Wiedersehen schlug Kiesewetter vor, gemeinsam medizinische Röntgenröhren herzustellen, da in den Kliniken ein großer Bedarf bestand.
Am 1. Januar 1919 gründeten die beiden die Firma „Ungelenk & Kiesewetter, Glastechnische Werkstätten“. Sie starteten bescheiden in einem Hinterhof der Strumpfgasse 7. Mit 11.000 Reichsmark aus dem Erbe von Ungelenk kauften sie gebrauchte Werkzeuge und bauten ihre Werkbänke aus Abfallbrettern. Die Arbeit war extrem präzise: In den Röhren musste ein perfektes Vakuum herrschen, und kleinste Verunreinigungen machten die Produkte unbrauchbar.
Der Durchbruch kam im Mai 1919, als die Firma offiziell ins Handelsregister eingetragen wurde und Aufträge für neuartige Glühkathodenröhren erhielt. Das Geschäft wuchs schnell. Im Sommer 1920 zog der Betrieb erst in die Schwarzburger Straße und später, im März 1923, auf das heutige Werksgelände in Cumbach. Aus der kleinen Werkstatt wurde die „Phönix GmbH“, die später Teil der Siemens-Gruppe wurde.
Die Wege der beiden Gründer trennten sich jedoch schon 1922. Kiesewetter verkaufte seine Anteile und gründete 1925 in der Weimarischen Straße eine eigene Fabrik. Er blieb zeitlebens ein eigenständiger Unternehmer, obwohl er 1953 Konkurs gehen musste und später nach Baden-Württemberg floh. Alfred Ungelenk hingegen blieb eng mit dem Werk verbunden und entwickelte unter anderem die Drehanodenröhre „Pantix“ (1935), deren Prinzip heute noch in modernen CT-Geräten genutzt wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Ungelenk kurzzeitig im Lager Buchenwald festgehalten, bevor er später über Berlin nach Erlangen floh.
Das Wissen der Glasbläser und Techniker blieb über Generationen in Rudolstadt erhalten. Auch nach der Enteignung als volkseigener Betrieb unter der Marke „Rörix“ blieb die Fertigung bestehen. 1991 kehrte das Werk schließlich in den Siemens-Verbund zurück. Damit schloss sich der Kreis, der über 70 Jahre zuvor in der Strumpfgasse begonnen hatte.
Quelle: Rudolstadt – zur Originalmeldung