Großen-Linden: Heftiger Nachbarschaftsstreit im Jahr 1848
Im Juli 1848 kam es zwischen den Bewohnern von Großen-Linden (Hessen) und der Nachbargemeinde Leihgestern zu einem schweren Konflikt. Alles begann am 16. Juli, als etwa 100 Menschen aus Großen-Linden gegen Mittag zu einer Volksversammlung nach Garbenteich zogen. Sie nahmen zwei neue Fahnen mit und sangen Lieder, während sie durch Leihgestern marschierten. Die Bewohner von Leihgestern reagierten jedoch aggressiv. Sie forderten die Gruppe auf, die Fahnen zu senken und die Gesänge einzustellen. Dabei kam es zu Beschimpfungen, doch die Großen-Lindener setzten ihren Weg zunächst fort.
Auf dem Rückweg eskalierte die Situation völlig. Als die Gruppe erneut singend und mit Fahnen durch Leihgestern zog, brach ein Handgemenge aus. Die Leute aus Leihgestern griffen ihre Nachbarn mit Steinen und Holzscheiten an. Sogar Schüsse wurden abgefeuert, wobei eine der Fahnen durchschossen wurde. Mehrere Menschen wurden verletzt. Zwei Männer ritten so schnell wie möglich zurück nach Großen-Linden und läuteten dort die Sturmglocken, um Hilfe für die Verwundeten zu holen.
Besonders dramatisch war die Lage für den Bürgermeister von Großen-Linden. Die Bürger fürchteten um sein Leben, während er sich in Leihgestern befand. Erst später bestätigte der Bürgermeister von Leihgestern, Heß, schriftlich, dass sein Kollege sicher zu Hause angekommen sei. In den folgenden Ermittlungen tauchten Gerüchte auf, die Großen-Lindener seien schon auf dem Hinweg betrunken gewesen. Der Pfarrer von Leihgestern, Wolf, wies jedoch die Vorwürfe zurück, er habe die eigene Gemeinde zum Angriff aufgewiegelt.
Das Gericht sprach im Jahr 1849 schließlich über den Fall. 23 Menschen aus Leihgestern wurden mangels Beweisen freigesprochen. 29 weitere wurden zu Haftstrafen verurteilt, die zwischen 14 Tagen und vier Monaten lagen. Um weiteren Streit zu vermeiden, legte das Gericht eine strikte Regel für die Landwirtschaft fest: Die Leihgesterner durften von nun an zuerst in der Au mähen, die Großen-Lindener erst am nächsten Tag. So sollte der Kontakt zwischen den verfeindeten Gruppen eingeschränkt werden.
Quelle: Linden – zur Originalmeldung